Beim Barte des Propheten

Singmädchen, Würfel und Ohrfeigen: Trink- und Verhaltenskatechesen okzidentaler und orientalischer Glaubensrichtungen über die Jahrtausende hinweg.

„Beim Barte des Propheten“

Kurzer Abriss islamischer Trinkvorstellungen

Der Islam gilt heute gemeinhin als Religion der Abstinenz. Alkohol erscheint in der öffentlichen Wahrnehmung beinahe als exakter Gegenentwurf zur islamischen Lebensordnung: Der Muslim trinkt nicht, so lautet die einfache Formel. Doch wie fast immer in Religionsfragen ist die historische Wirklichkeit deutlich komplizierter. Zwischen theologischer Norm, höfischer Kultur und menschlicher Praxis entstand über Jahrhunderte ein Verhältnis zum Alkohol, das von Ambivalenz geprägt war.

Tatsächlich war die Haltung des frühen Islam zum Wein keineswegs von Beginn an eindeutig. Im Koran finden sich zunächst Passagen, die Wein durchaus als Teil der göttlichen Schöpfung erwähnen. Erst später treten Warnungen hinzu. Zunächst wird lediglich darauf hingewiesen, dass im Wein sowohl Nutzen als auch Schaden liege – wobei der Schaden überwiege. Die eigentliche Verschärfung erfolgt schrittweise: Zunächst sollen Gläubige nicht betrunken zum Gebet erscheinen, schließlich wird berauschender Trank gemeinsam mit Glücksspiel als Werk des Satans bezeichnet.

Gerade diese Verbindung von Alkohol und Glücksspiel ist bemerkenswert. Beide gelten im islamischen Denken als Gefährdungen der Selbstbeherrschung und der sozialen Ordnung. Der Mensch soll Herr seiner Sinne bleiben, nicht Sklave seiner Triebe werden. Der Rausch bedroht dabei nicht nur die individuelle Moral, sondern auch die Gemeinschaft. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die islamische Perspektive kaum von christlichen oder jüdischen Traditionen, die ähnliche Warnungen vor Maßlosigkeit formulierten.

Und doch verlief die tatsächliche Geschichte islamischer Gesellschaften wesentlich weltlicher, als es die religiösen Vorschriften vermuten lassen. Bereits unter den Abbasiden entwickelte sich in Bagdad eine hochkultivierte Hofgesellschaft, in der Wein keineswegs unbekannt war. Dichter wie Abu Nuwas verfassten regelrechte Weinpoesie und beschrieben Trinkgelage mit einer Offenheit, die heutigen europäischen Vorstellungen vom „strengen Islam“ geradezu widerspricht. Der Wein erscheint dort nicht bloß als Laster, sondern als Bestandteil von Geselligkeit, Ästhetik und höfischer Kultur.

Ähnliche Widersprüche finden sich später im Osmanischen Reich. Zwar existierten immer wieder Verbote, doch deren Durchsetzung blieb wechselhaft. In den Metropolen des Reiches wurde trotz offizieller Missbilligung konsumiert, gehandelt und ausgeschenkt. Selbst einzelne Herrscher standen dem Alkohol offenbar näher, als es die religiöse Orthodoxie vorgesehen hätte. Zwischen Gesetz und Lebenswirklichkeit entstand so ein dauerhaftes Spannungsverhältnis.

Hinzu kommt, dass die islamische Welt historisch niemals einheitlich war. Während konservative Strömungen Alkohol strikt ablehnten, entwickelten andere Milieus pragmatischere Formen des Umgangs. Besonders in persisch geprägten Kulturräumen blieb Wein über Jahrhunderte auch literarisch präsent – oft sogar als Symbol für Erkenntnis, Ekstase oder spirituelle Überschreitung.

Die Geschichte islamischer Trinkvorstellungen erzählt deshalb weniger von einer einfachen Verbotskultur als vielmehr vom alten Konflikt zwischen religiösem Ideal und menschlicher Wirklichkeit. Der Wunsch nach Ordnung, Disziplin und moralischer Reinheit stand stets neben einer Realität, in der Menschen feierten, dichteten, spielten und tranken.

Am Ende unterscheidet sich die islamische Geschichte darin womöglich weniger von der christlichen, als beide Seiten bisweilen glauben möchten. Denn unabhängig von Dogmen, Verboten und moralischen Ermahnungen zeigt der Blick in die Geschichte vor allem eines: Der Mensch war zu allen Zeiten erstaunlich erfinderisch darin, religiöse Vorschriften sehr großzügig auszulegen.

Jörg Jörg

Seineszeichens kleiner Chef des Großen Ganzen

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